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PROLOG – Bevor etwas bricht
Lio Aoyama ist zwölf Jahre alt, als er zum ersten Mal bemerkt, dass Menschen verschwinden können. Nicht auf dramatische Weise oder wie durch Zauberei, sondern eher wie eine Verabschiedung, bei der man nicht weiß, dass es überhaupt eine ist.
Er sitzt alleine an seinem Platz neben dem Fenster im Klassenzimmer der Tamagawa-Grundschule in Setagaya. Im Raum wirbelt noch der Staub der abgewischten Tafel. Alle Stühle bis auf seinen stehen bereits ordentlich an den Tischen. Sein Blick fällt auf den Schulhof, wo seine Mitschüler das Schulgebäude fröhlich verlassen und in die Sommerferien laufen. Auf der Fensterbank liegt ein Zettel vor ihm.
Mein Papa hat eine neue Arbeit. Wir ziehen in den Ferien nach Yoshida. Ich melde mich.
Kein genaues Datum, keine neue Adresse, keine wirkliche Verabschiedung. Sein einziger Freund an der Schule hat ihm den Zettel fast schon beiläufig in die Hand gedrückt und ist mit den anderen in die Ferien gerannt. Lio hatte sich seit Wochen auf die viele Freizeit mit ihm gefreut. Jetzt sitzt er im Klassenraum und starrt nach draußen.
Die ersten Minuten hat er den Zettel immer wieder gelesen und gehofft, dass er zwischen den Zeilen mehr findet.
„Ich melde mich.“
Als er Schritte im Flur hört, faltet er den Zettel ordentlich zusammen, steckt ihn in sein Federmäppchen und geht nach Hause.
Er wartet die ganzen Ferien, danach eine weitere Woche, dann einen Monat und im folgenden Frühjahr steht der Schulwechsel bevor. Auch wenn er längst weiß, dass sich niemand mehr melden wird, liegt der Zettel noch in seiner Schreibtischschublade. Irgendwo zwischen einem Lesezeichen und einem kaputten Kugelschreiber.
Inzwischen geht Lio auf die Tamagawa-Mittelschule in Setagaya. Er verliebt sich dort zum ersten Mal in ein Mädchen, das im Musikunterricht immer neben ihm sitzt und bei den gemeinsamen Gitarrenübungen meistens mit geschlossenen Augen seinen Akkorden zuhört. Sie hat einmal gesagt, dass sich sein Gitarrenspiel anfühlt wie „Regen, der einen nicht nass macht“.
Er wird diesen Satz noch lange für eine der schönsten Bemerkungen über seine Musik halten.
Lio schreibt seine erste eigene Akkordfolge für sie. Er übt sie so lange, bis er beim spielen nicht mehr auf seine Finger schauen muss.
An dem Tag, an dem er sie ihr vorspielen will, erzählt sie ihm, dass sie jemanden aus der Kunst-AG kennengelernt hat und sie nun zusammen sind. Sie lächelt dabei. Nicht in einer grausamen Art, nur glücklich.
Später sitzt Lio zu Hause auf dem Boden, die Gitarre locker auf dem Schoß gelegt, und spielt die Akkordfolge noch einmal.
Mit vierzehn wird Lio ehrgeiziger und beschließt, dass es besser ist, gut zu sein, als beliebt. Mit seinen Prüfungsergebnissen gehört er immer zum oberen Drittel seiner Klasse. Nachts zeichnet er, an freien Nachmittagen verbessert er sein Gitarrenspiel. Er meldet sich für Schulprojekte, an denen andere kaum Interesse haben.
Wenn er nützlich und fleißig ist, denkt er, werden die anderen ihn nicht so schnell vergessen. Vielleicht bleiben sie dann.
Lio lernt einen neuen Freund kennen. Den ersten seit der Grundschule, dem er wirklich wieder vertrauen kann. Sie verbringen viel Zeit miteinander, gehen ins Kino, besuchen den Musikladen oder den Mangastore, essen zusammen in den unterschiedlichsten Restaurants und an Imbissständen, verbringen die Pausen in der Schule zusammen und teilen sich Kopfhörer.
Auch für ihn schreibt Lio einmal eine Akkordfolge. Er will sie ihm vorspielen, aber immer wieder kommt etwas dazwischen. Einmal fehlt die Gitarre, einmal der Mut, ein anderes Mal die Zeit und manchmal die Gelegenheit. Dann endet ihre Schulzeit an der Mittelschule und alle gehen in andere Richtungen.
„Wir bleiben in Kontakt.“
Zu Hause ist es meist ruhig. Er verbringt jede freie Minute in seinem Zimmer und übt weiter. Sein Vater kommt oft spät von der Arbeit und legt den Autoschlüssel dabei immer etwas zu laut auf die Kommode, als wolle er allen sagen, dass er da ist. Manchmal klopft er an Lios Zimmertür.
„Alles okay?“, fragt er meistens. Nicht mehr, nicht weniger.
Lio nimmt die Hand von den Saiten.
„Ja.“
„Gut. Mach nicht mehr zu lang, ja?“
„Mhm.“
Die Tür schließt sich wieder und die Schritte im Flur entfernen sich langsam. Lio wartet immer, bis er die Wohnzimmertür hört, bevor er weiterspielt. Manchmal hätte Lio seinem Vater gerne etwas vorgespielt. Eine komplizierte Stelle, die endlich zufriedenstellend funktioniert, oder ein Stück, an dem er bereits seit Wochen übt. Sein Vater fragt ihn aber nie, ob er ihm etwas vorspielen möchte. Ihn durch eine geschlossene Tür dafür zu rufen, kommt Lio seltsam vor.
In den seltenen Fällen, in denen sie als Familie zusammen essen, wird über die Schule, Prüfungen, bevorstehende Termine, den Arbeitstag des Vaters oder schlicht über das Wetter gesprochen. Einmal erwähnt Lios Mutter am Esstisch: „Schön, dass du so selbstständig und ehrgeizig bist.“
Die Worte sollen wohl wie ein Kompliment klingen. Lio bedient sich am Reis, obwohl bereits genug auf seinem Teller liegt. Er nickt und isst weiter.
Für die Prüfung nächste Woche muss er noch lernen. Danach will er die Stelle üben, bei der er heute immer wieder gestolpert ist. Er könnte erzählen, wie lange er bereits daran arbeitet und dass er gestern erst aufgehört hat, als ihm die Finger gebrannt haben.
Sein Vater fragt stattdessen, wann die Prüfung ansteht.
„Donnerstag.“
„Dann hast du ja noch ein paar Tage.“
Lio nickt erneut. Als sie nach dem Essen die Teller zusammengestellt haben, geht er zurück in sein Zimmer. Auf dem Schreibtisch liegen noch die Vorbereitungsaufgaben für die Prüfung, die Gitarre lehnt neben dem Schreibtisch an der Wand.
Er setzt sich und zieht die Unterlagen an sich heran.
Mit siebzehn sitzt er abends alleine in seinem Zimmer und merkt, dass er müde ist. Nicht körperlich, sondern davon, immer zu hoffen, dass es diesmal anders werden könnte. Müde davon, zu glauben, dass ein schöner Anfang und das Etablieren von gemeinsamen Gewohnheiten gleichbedeutend mit Dauer sind.
Er weint an diesem Abend. Leise. Er lehnt mit dem Rücken gegen sein Bett, die Stirn gegen die Knie gepresst. Für einen Moment fühlt es sich an, als würde sein Brustkorb zu eng werden.
Irgendwann steht er auf und geht ins Bad. Seine Augen sind leicht gerötet und etwas geschwollen. Wer nicht genau hinsieht, bemerkt es nicht. Ansonsten sieht sein Spiegelbild aus wie immer, das beruhigt ihn ein wenig.
Am nächsten Morgen macht er sich auf den Weg zur Oberschule, am Abend besucht er den Kurs an der Ochanomizu Art Preparatory School. Inzwischen hat er sich daran gewöhnt, dass manche Tage einfach vorbeiziehen.
