KAPITEL 4 – Fragmente

„Was genau soll fehlen?“

Lio schweigt einen Moment. Es geht nicht um einen verlorenen Gegenstand oder eine fehlende Information.

„Wir brauchen einen Ort mit Lücken. Einen Ort, an dem man noch erkennen kann, dass etwas fehlt.“

Mira sieht Lio fragend an. „Hätte mit etwas weniger Tiefgründigem gerechnet, aber okay.“

„Es passt doch zu dem, was Hasegawa gesagt hat.“

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass er etwas anderes meinte.“

Mira schaut wieder den Gang hinunter. „Lass uns wie geplant erstmal im Innenhof beginnen.“

Nach einigen Minuten im Innenhof kommen beide zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis. Mira sieht zwar Anordnungen und wiederkehrende Bewegungen, doch sie wirken zu allgemein, um etwas über diesen Ort zu erzählen. Für Lio ist der Ort zu offen und zu vollständig.

Sie gehen weiter, zurück in das Kursgebäude und die Treppe in Richtung Raum 245A hinauf, ohne genau zu wissen, wonach sie eigentlich suchen.

Lio entdeckt eine hellere rechteckige Stelle an der Wand, die sich vom Rest der Wand abhebt. Offenbar hing dort über eine längere Zeit ein Aushang oder ein Bild.

„Du schaust auf etwas, das nicht mehr da ist“, sagt Mira.

„Das ist, was ich vorhin meinte.“

Mira notiert sich Lios Gedanken in ihr Notizbuch.

„Sollen wir das Treppenhaus nehmen?“, fragt Mira, während sie das letzte Wort schreibt.

„Mhm.“

„Okay.“

Mira schlägt eine neue Seite auf. „Wir sollten nicht nach sechs ähnlichen Fragmenten suchen. Unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen sollten sichtbar bleiben.“

„Hast du das eben mitgeschrieben?“

„Ja. Aber das tut nichts zur Sache. Du suchst nach dem, was fehlt.“

„Und du?“

„Ich suche nach Spuren, die zeigen, dass es einmal da war.“

Lio notiert sich die helle Stelle des entfernten Aushangs und sucht nach weiteren Lücken. Er notiert sich eine unterbrochene Bodenmarkierung und zwei Bohrlöcher, an denen vermutlich einmal ein Schild befestigt war.

Danach beginnt er mit einer einfachen Skizze.

„Die Linie ist doch noch da“, sagt Mira.

„Aber nicht vollständig.“

„Du skizzierst also eine Linie.“

„Nein, die Unterbrechung darin.“

„Natürlich das.“

Mira notiert sich hingegen sichtbare Spuren, die andere hinterlassen haben. Eine abgegriffene Stelle am Treppengeländer, eine handschriftliche Ergänzung auf einem gedruckten Aushang und sichtbare Schuhspuren auf den Treppenstufen.

„Hast du drei?“, fragt Mira irgendwann.

„Mhm“, antwortet Lio und hält ihr seine Notizen hin.

Mira überfliegt kurz seine Stichpunkte. „Dann haben wir ja einen Anfang.“ Mira denkt kurz nach und beginnt eine Tabelle in ihrem Notizbuch zu zeichnen. Sie unterteilt diese in „GEBLIEBEN“ und „FEHLT“.

„Das sind Gegensätze“, sagt Lio.

Mira zieht eine Linie zwischen den beiden Wörtern.

„Noch.“

Mira denkt für einen Moment nach. „Ich würde sagen, wir skizzieren unsere Stichpunkte und vergleichen sie morgen.“

Lio schaut in seine Notizen. „Machen wir so.“

Beide gehen die Treppe wieder hinunter und laufen durch den Eingang nach draußen. Nahe des Eingangs begegnen Lio und Mira Reki und Taiga. Taiga nimmt mit einem kleinen Aufnahmegerät die Geräusche der vorbeilaufenden Passanten auf. Reki skizziert währenddessen die Bewegungen.

„Hey ihr zwei“, sagt Taiga. „Habt ihr euren Ort gefunden?“

„Das Treppenhaus zu unserem Kursraum“, antwortet Mira. „Und ihr?“

Taiga senkt das Aufnahmegerät. „Wir versuchen es mit dem Bahnsteig. Schritte, Türen, abfahrende Züge, Durchsagen.“ Er schaut zu Lio. „Satō meinte, du spielst Gitarre?“

Lio sieht Reki an.

„Wir haben über Rhythmus gesprochen“, erklärt Reki.

„War die Aufgabenstellung nicht visuell?“, fragt Mira.

„Schon. Ich nehme die Rhythmen auf und übertrage sie später in Linien. Ich kann irgendwie besser mit Geräuschen umgehen“, erklärt Taiga.

Lio weiß nicht, an welcher Stelle des Gesprächs über einen Bahnsteig sein Name aufgetaucht ist.

„Satō, wollen wir los?“, fragt Taiga.

„Ja.“

„Dann bis morgen.“

Reki folgt ihm nicht sofort. „Bis morgen“, sagt er und sieht noch einen Moment Lio an.

Mira und Lio verabschieden sich vor der Station voneinander. Sie hebt dabei ihr Notizbuch kurz an, als müsste sie Lio daran erinnern, dass ihre Arbeit noch ansteht.

„Morgen vergleichen wir dann“, sagt sie.

„Mhm.“

„Und ich will mehr sehen als nur drei Stichpunkte.“

Lio sieht auf sein Skizzenbuch. „Ich habe auch gezeichnet.“

„Ja. Eine unterbrochene Linie.“

„Trotzdem ist es eine Zeichnung.“

Mira lächelt. „Okay. Bis morgen.“

Auf dem Bahnsteig steht Lio einige Meter von einer Reisegruppe entfernt. Durch die Menschenmenge, auf der anderen Seite des Bahnsteigs, erkennt er Taiga mit seinem Aufnahmegerät. Reki steht einige Schritte neben ihm und zeichnet. Zwischen den wartenden Menschen verläuft eine gelbe Bodenmarkierung. Schuhe, Taschen und Koffer verdecken einzelne Abschnitte davon, geben sie zwischendurch wieder frei und verdecken sie erneut.

Lio fragt sich, ob Reki genau das zeichnet.

Im Zug denkt er über Taigas Frage nach und stellt erst jetzt fest, dass er sie unbeantwortet gelassen hat. Reki hatte also nicht nur behalten, dass er Gitarre spielt. Er hatte es sogar erwähnt, während sie über Rhythmus gesprochen haben.

Der Gedanke beschäftigt ihn noch, bis er zuhause ankommt. Er legt das Skizzenbuch auf den Schreibtisch und zeichnet die helle Stelle im Treppenhaus. Er beginnt mit dem Rand. Vier dünne Linien, die zusammen ein Rechteck ergeben. Erst als er die Wand darum schraffiert, wird sichtbar, dass die Mitte leer bleibt.

Die Bodenmarkierung zeichnet er neu. Zwei Linien mit einigen Millimetern Abstand zwischen ihnen. Die Unterbrechung wirkt deutlich kleiner, als er sie in Erinnerung hat.

Er radiert die Enden weg und vergrößert damit den Abstand.

Auf der nächsten Seite versucht er sich bei den beiden Bohrlöchern. Ohne das Schild, das dort vielleicht einmal hing, wirken sie beliebig. Zwei dunkle Punkte an einer leeren Wand.

Lio legt den Stift zur Seite.

Mira würde vermutlich anmerken, dass die Löcher selbst Spuren seien. Etwas, das noch da ist. Für Lio sind es aber Stellen, an denen etwas fehlt.

Sein Blick wandert zur Gitarre neben seinem Bett.

Reki hatte mit Taiga über ihn gesprochen.

Er nimmt sie aus dem Ständer, setzt sich auf die Bettkante und legt seine Finger auf die Saiten. Er spielt den ersten Akkord, noch bevor er darüber nachdenken kann. Danach den zweiten.

Der Klang des letzten Akkords verliert sich in der Wohnung.

Er könnte jetzt weiterspielen. Stattdessen wartet er so lange, bis nur noch das leise Summen der Saiten übrigbleibt.

Vielleicht sind FEHLT und GEBLIEBEN keine Gegensätze.

Vielleicht braucht das eine das andere, um überhaupt sichtbar zu sein.