KAPITEL 10 – Ein Anfang

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Am nächsten Morgen liegt Lio noch im Bett, obwohl er bereits seit einer Stunde wach ist. Zwischendurch schaut er auf sein Handy, dann legt er sich wieder die Decke über den Kopf. Seine Gedanken wandern von der Zeit auf der Mittelschule bis zum gestrigen Essen. Er denkt daran, dass er Reki eine Liste schicken wollte. 

Dann steht er auf, geht ins Bad, putzt sich die Zähne, wäscht sich das Gesicht, schaut kurz in den Spiegel und zieht sich seine Haare zurecht. Dann geht er in die Küche, öffnet den Kühlschrank und stellt fest, dass sich seit der letzten Öffnung nicht viel darin getan hat. „Einkaufen“, murmelt er nur. Kurz danach sitzt er mit einem Kaffee am Küchentisch und schaut immer wieder zur Kühlschranktür hinüber. Als er den letzten Schluck getrunken hat, stellt er die Tasse in die Spüle, geht in den Flur und zieht sich seine Jacke über. Aus einem kleinen Wandschrank, direkt neben der Haustür, holt er eine Einkaufstasche hervor. Er zieht die Tür hinter sich zu und läuft zum kleinen Supermarkt in seinem Viertel.

Bevor er den Supermarkt betritt, prüft er kurz seinen Kontostand auf dem Handy. Seine Eltern überweisen ihm erst in zwei Wochen wieder Geld. Nach den Studiengebühren und den letzten Aufladungen seiner Suica ist von den vorherigen Überweisungen kaum etwas übrig. Er öffnet die Taschenrechner-App und betritt den Supermarkt. In seinem Einkaufskorb landen Currywürfel, Reis, Hackfleisch, ein Netz Zwiebeln und eine Gemüsemischung aus der Tiefkühlabteilung. Er tippt die Preise sorgfältig in den Taschenrechner. An der Kasse nimmt er noch zwei reduzierte Packungen Sobanudeln mit.

Er legt seinen Einkauf auf den Tresen, zahlt die Summe und packt die Artikel sorgfältig in seine Einkaufstasche. Draußen angekommen weht ihm ein kalter Windzug ins Gesicht. Mit der anderen Hand zieht er den Reißverschluss seiner Jacke höher und geht anschließend die Straße, von der er gekommen ist, zurück. Auf halbem Weg spürt er sein Handy in der Hosentasche vibrieren. Er bleibt stehen, stellt die Einkaufstasche zwischen die Beine und zieht das Handy aus der Tasche. Eine unbekannte Nummer steht auf dem Display. Er tippt auf den grünen Hörer und hält sich sein Handy ans Ohr.

„Aoyama“, sagt er.

„Guten Morgen, Aoyama-san. Mein Name ist Kitayama. Ich rufe Sie wegen Ihrer Bewerbung für unseren Konbini an. Haben Sie gerade Zeit?“

Lios Augen werden größer. Er sieht auf die Straße, auf die Tüte zwischen seinen Beinen. Der Wind weht ihm noch immer ins Gesicht. „Ja. Natürlich“, sagt er.

„Sehr gut. Ich würde mit Ihnen gerne einige Details der Bewerbung persönlich besprechen. Haben Sie die Möglichkeit, kurzfristig morgen Nachmittag in der Filiale zu erscheinen?“

„Natürlich.“

„Würde vierzehn Uhr für Sie passen?“

„Selbstverständlich.“

„Bringen Sie bitte einen vollständigen Lebenslauf mit Foto mit.“

„Natürlich.“

„Dann bis morgen, Aoyama-san.“

„Bis morgen, Kitayama-san. Und vielen Dank!“

Er verbeugt sich leicht, richtet sich aber schnell wieder auf, als er das Handy vom Ohr nimmt und nun auf den roten Hörer tippt. Zwei Windzüge später starrt er noch immer auf das Handy. Als das Display sich automatisch ausschaltet, steckt er es wieder in die Hosentasche, greift nach seiner Einkaufstüte und läuft weiter. Einen Schritt schneller als zuvor. 

Zuhause räumt er seine Einkäufe ein, geht in sein Zimmer und öffnet den Laptop. Er sucht nach seiner alten Vorlage für seinen Lebenslauf und findet sie in einem Ordner für die Uni. Er überfliegt die dort gespeicherten Angaben. Oben steht noch die alte Adresse und die Universität fehlt.

Lio löscht die alte Adresse und trägt die aktuelle ein. Danach ergänzt er die Auflistung seiner Schulausbildung um den Studienkurs an der Tama Art University. Rechts oben verbleibt ein leeres Rechteck für das Foto. Er öffnet die Galerie auf seinem Handy und sucht zwischen Screenshots und Aufnahmen von diversen Unterlagen ein Foto von sich. Auf dem ersten Foto von sich, welches er findet, hat er die Augen halb geschlossen. Auf einem weiteren steht jemand neben ihm, dessen Schulter seinen halben Arm verdeckt. Er legt das Handy wieder auf den Schreibtisch.

Er durchsucht seine Kommode nach etwas anderem als einem schlichten weißen T-Shirt, erfolglos. Er sucht im Flur weiter und zieht ein schlichtes weißes Hemd aus dem Wandschrank. Am unteren Rand ist es zerknittert. Er hält es kurz vor sich, legt es über die geöffnete Schranktür und zieht sein Oberteil aus.

Vor dem Spiegel schließt er die Knöpfe bis auf den obersten. Danach streicht er sich die Haare von der Stirn, einige Strähnen fallen dabei sofort wieder zurück. Beim zweiten Versuch bleiben sie liegen. Er nimmt sein Handy aus der Hosentasche und sucht nach einem Fotoautomaten in seiner Nähe. Einer steht an der Station.

Erneut greift er nach seiner Jacke, schlüpft in seine Sneaker und verlässt die Wohnung. Draußen steckt er seine Hände in die Jackentaschen. Der Wind hat zwar nachgelassen, trotzdem zieht er die Schultern etwas hoch. Als er an der Station ankommt, prüft er auf seinem Handy, auf welcher Seite der Automat eigentlich steht.

Der Vorhang der Kabine reicht ihm knapp unter die Knie. Er schiebt ihn zur Seite, setzt sich auf eine unbequeme Sitzbank und sieht auf den Bildschirm vor sich. Mit einem Bedienfeld passt er die Kamera auf sein Gesicht an. Für einen Moment betrachtet er sich selbst und bemerkt, dass er die Jacke noch anhat. Er zieht sie aus und legt sie sich über die Beine. Als die Aufnahme beginnt, richtet er sich noch etwas auf.

Der Automat schießt drei Fotos. Auf dem ersten hat er wieder die Augen halb geschlossen, auf dem zweiten atmet er zu stark aus und auf dem dritten weiß er nicht mehr, wohin er seinen Blick richten soll, obwohl die Markierung direkt vor ihm ist. Am Ende entscheidet er sich für das zweite Bild.

Während der Automat mit dem Ausdrucken der Bilder beschäftigt ist, zieht er seine Jacke wieder über. Dann nimmt er den Fotostreifen aus dem Ausgabefach und begutachtet die Fotos genauer. Auf dem Ausdruck sieht sein Hemd deutlich ordentlicher aus als im Spiegel. Er steckt den Fotostreifen vorsichtig in die Innentasche seiner Jacke.

Auf dem Rückweg druckt er im Konbini seinen neuen Lebenslauf aus.

Zuhause legt er das Blatt auf den Schreibtisch, holt eine Schere und einen Klebestift aus der Schublade und schneidet eines der Fotos vom Streifen ab. Er schiebt es auf das freie Feld, es passt. Trotzdem hebt er es noch einmal an und verschiebt das Bild ein kleines Stück nach rechts, bevor es festklebt.

Lio liest den Lebenslauf nochmal von oben bis unten durch. Als er fertig ist, schiebt er ihn in eine Klarsichthülle und legt das fertige Dokument zwischen die Seiten seines Notizbuches. Darauf legt er noch einen Kugelschreiber.

Sonntag. Vierzehn Uhr. Er nimmt sein Handy aus der Hosentasche, trägt sich die Daten als Termin im Kalender ein, stellt eine Erinnerung und legt das Handy auf den Schreibtisch. Dann ist es ruhig. Aus der Küche hört er das leise Summen des Kühlschranks. Die Currywürfel liegen noch neben dem Herd. Er greift nach dem Handy und öffnet einen Chat mit Reki und beginnt zu tippen.

Lio A.: Erster Eintrag für die Liste: Curry.

Sein Finger schwebt kurz über das Symbol zum Senden, bevor er darauf drückt. Er wartet kurz, bekommt aber nicht sofort eine Antwort. Er geht in die Küche und sucht im Internet nach einem Curryrezept, findet aber nur Rezepte, für die ihm entweder die Zutaten fehlen oder er Gewürze verwenden soll, die er nicht kennt. Er ergänzt die Suche um „Currywürfel“. Das erste Ergebnis sieht einfacher aus.

Er liest sich die Zutaten durch, legt sich das meiste aus seinem Einkauf zurecht und schaut wieder auf den Bildschirm. Das Rezept ist für vier Portionen eingestellt. Er ändert es auf zwei und die Zahlen in der Zutatenliste verändern sich entsprechend.

Zuerst den Reis waschen. Er holt einen Topf aus dem Schrank, wiegt den Reis ab und gibt diesen in ein feines Küchensieb. Er dreht den Wasserhahn voll auf, wodurch einige Reiskörner im Spülbecken landen. Er dreht den Hahn wieder etwas zu und schüttet wieder etwas Reis nach. 

Nachdem der Reis auf dem Herd steht, beginnt er eine Zwiebel zu schneiden. Einige Stücke werden klein, andere größer. Er zieht sie mit dem Messer zusammen, schaut wieder auf das Handy und bemerkt, dass die Stücke auf dem beigefügten Bild anders aussehen. Er schiebt sie trotzdem vom Brett in einen weiteren Topf.

Während die Zwiebeln langsam vor sich hin braten, nimmt er die Packung mit dem Hackfleisch und öffnet sie. Er ist gerade mit beiden Händen daran, das Fleisch aus der Packung zu bekommen, als sein Handy vibriert. 

Lio schaut hinüber, in der Benachrichtigungsleiste kann er „Reki“ lesen, bevor die Nachricht nach oben verschwindet. Er legt die Packung ab, wäscht sich die Hände und öffnet den Chat.

Reki S.: Damit kann man arbeiten.

Darunter eine weitere Nachricht.

Reki S.: Wie ist es geworden?

Lio sieht auf die Zutaten, die um den Herd herum liegen.

Lio A.: Bin noch dran.

Die Antwort kommt, während Lio noch auf den Bildschirm sieht.

Reki S.: Du kochst gerade?

Lio A.: Ich versuche es.

Er legt das Handy zur Seite und gibt das Hackfleisch zu den Zwiebeln und drückt es mit dem Kochlöffel auseinander. Als er die Gemüsemischung dazugibt, zischt es laut. Lio zieht die Hand zurück und stellt anschließend die Herdstufe etwas niedriger.

Das Handy leuchtet wieder mit einer Vibration auf.

Reki S.: Vergiss nicht, den Reis gründlich zu waschen, und stell die Temperatur etwas runter, nachdem das Wasser kocht.

Lio dreht den Kopf zum Herd. Unter dem Deckel mit dem Reis schiebt sich langsam aber stetig ein weißer Schaum hervor. „Scheiße.“

Er zieht den Topf von der Herdplatte, wodurch ein wenig Wasser auf die heiße Platte tropft und mit einem Zischen verdampft. Lio nimmt den Deckel vom Topf, legt ihn in die Spüle, stellt die Herdstufe ebenfalls herunter und wartet, bis das Blubbern aufhört, bevor er den Topf wieder auf die Platte zieht.

Dann nimmt er sein Handy in die Hand.

Lio A.: Hab ich im Blick.

Reki antwortet mit einem Daumen-hoch-Emoji.

Er wechselt vom Chat zurück auf das Rezept. Als Nächstes misst er Wasser für das Curry ab, gießt es in einen weiteren Topf. Während er auf das Kochen des Wassers wartet, wischt er den Herd ab und schmeißt die leeren Verpackungen in den Müll. Er liest auf der Rückseite der Currypackung nach, wie viele Würfel er braucht, bricht die benötigte Menge ab und legt den Rest in seinen Vorratsschrank, neben die Instantnudeln.

Nachdem das Wasser die ersten Bläschen gebildet hat, gibt er die Würfel hinein und rührt so lange, bis am Kochlöffel keine dunklen Stücke mehr kleben. Anschließend schüttet er die Sauce zu Fleisch und Gemüse und lässt alles köcheln.

Die Sauce wird langsam dicker. Lio nimmt einen Löffel aus der Schublade und schöpft sich etwas darauf ab. Er pustet über den Löffel und verbrennt sich beim Probieren trotzdem die Zungenspitze. Er wartet kurz und versucht es anschließend erneut. Dann nimmt er einen Teller aus dem Schrank und stellt ihn neben dem Herd ab.

Der Reis hat sich am Boden festgesetzt. Mit dem Kochlöffel nimmt er zuerst den lockeren Reis von oben aus dem Topf. Das Curry verteilt er neben dem Reis auf dem Teller, die Sauce läuft sofort in den Reis.

Lio nimmt den Teller und setzt sich mit ihm an den Tisch. Bevor er probiert, greift er nach seinem Handy auf der Arbeitsplatte und macht ein Foto. Auf dem Bildschirm wirkt die Portion deutlich größer. Er öffnet wieder den Chat mit Reki und schickt ihm das Foto.

Lio A.: Ist genießbar.

Rekis Antwort kommt nach dem zweiten Bissen.

Reki S.: Das ist ein Anfang.

Lio schnaubt leise durch die Nase und legt den Löffel ab, um eine Antwort zu tippen.

Lio A.: Der Konbini hat heute auch angerufen.

Reki S.: Und?

Lio A.: Morgen hab ich ein Vorstellungsgespräch.

Er nimmt sich einen weiteren Löffel vom Curry. 

Reki S.: Sag mir morgen, wie es war.

Lio liest die Nachricht und schluckt.

Lio A.: Mach ich.

Am Sonntag steht Lio um kurz vor zwölf vor seiner Kommode, entscheidet sich dann aber doch für das Hemd, das er gestern für die Fotos getragen hat. Er holt es aus dem Wandschrank im Flur und legt es auf sein Bett. Bis zum Gespräch sind es noch über zwei Stunden. 

Er geht in die Küche und wärmt sich das Curry von gestern auf. Anschließend spült er den Teller ab und lässt ihn in der Spüle stehen. Auf seinem Bett liegt noch das Hemd. Er zieht es an, streicht den Stoff über seinen Bauch glatt und greift nach dem Notizbuch mit dem Lebenslauf darin.

Bevor er sich auf den Weg zum Konbini macht, kontrolliert er, ob die Klarsichthülle noch zwischen den Seiten liegt.

In der Bahn bleibt er gleich neben der Tür stehen und klemmt sich das Notizbuch unter den Arm. Erst als der Zug anfährt, fällt ihm auf, dass er die ganze Zeit auf eine Frau am Bahnsteig starrt.

Warum möchten Sie bei uns arbeiten?

Diese Frage geht ihm am meisten durch den Kopf. Die Nähe oder das Geld wären die ehrliche Antwort. Er versucht, daraus einen Satz zu bauen, der weniger kurz klingt. Die Lautsprecher der Bahn kündigen bereits Kaminoge an.

Auf dem Weg von der Station zum Konbini läuft er am Campus vorbei. Die Tore davor sind verschlossen, trotzdem sind hinter dem Eingang einige Menschen zu sehen. Er schaut durch die Stäbe des Zauns hinüber und geht weiter.

Vor dem Konbini bleibt er stehen und schaut auf sein Handy. Dreizehn Uhr vierzig. Durch die Scheibe erkennt er dieselbe Mitarbeiterin hinter der Kasse wie bei seinem letzten Besuch mit Reki. Ein Kunde legt mehrere Getränkeflaschen vor ihr auf den Tresen. Lio stellt das Handy auf lautlos, steckt es wieder in die Hosentasche und läuft noch einige Meter am Gebäude entlang. An einer Zufahrt bleibt er stehen und geht zurück. Als er den Konbini betritt, ist es zehn Minuten vor zwei.

Die Mitarbeiterin an der Kasse schaut auf. „Willkommen.“

Lio tritt an die Kasse heran. „Guten Tag. Aoyama ist mein Name. Ich habe um vierzehn Uhr ein Vorstellungsgespräch mit Kitayama-san.“

„Ah. Warten Sie bitte einen kleinen Moment.“ Sie greift nach einem Telefon neben der Kasse und drückt zwei Tasten. Lio stellt sich etwas abseits und hält sein Notizbuch nun mit beiden Händen vor sich. Die Klarsichthülle mit dem Lebenslauf schaut etwas heraus. Kurz darauf öffnet sich im hinteren Bereich des Ladens eine Tür. Ein Mann kommt heraus, sieht in Richtung der Kasse und dann zu Lio. Er kommt nach vorne. „Aoyama-san?“

„Ja.“

„Kitayama. Wir haben gestern telefoniert.“

Lio verbeugt sich leicht. „Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen.“

„Kommen Sie bitte mit.“

Hinter der Tür führt ein enger Gang an etlichen Kartons vorbei. Kitayama öffnet eine weitere Tür, die in ein kleines Büro führt. Er deutet auf einen freien Stuhl an einem kleinen Tisch. An den Wänden hängen mehrere Plakate, handschriftliche Vermerke, teilweise übereinander und ein Dienstplan. Lio setzt sich erst an den Tisch, nachdem Kitayama sich ihm gegenüber gesetzt hat.

„Haben Sie Ihren Lebenslauf dabei?“

„Ja. Natürlich.“

Lio zieht die Klarsichthülle auf seinem Notizbuch, nimmt das Blatt heraus und reicht es ihm mit beiden Händen.

„Danke“, sagt Kitayama und beginnt, sich die Angaben durchzulesen.

Lio blickt auf die obere Ecke des Fotos auf dem Lebenslauf. Beim Herausziehen aus der Folie hat sie sich leicht geknickt.

„Sie haben jetzt Ihr Studium begonnen?“

„Ja. Integrated Design. Direkt am Campus gegenüber.“

Kitayama schaut kurz auf. „Praktisch.“

„Deswegen habe ich mich hier beworben.“

Kaum hat er den Satz ausgesprochen, klingt er für ihn, als hätte er besser was anderes gesagt. „Also“, ergänzt er, „nicht nur deswegen. Ich suche eine Arbeit, der ich langfristig nach den Vorlesungen nachgehen kann.“

Kitayama nickt und legt den Lebenslauf auf den Schreibtisch hinter sich.

„Haben Sie bereits im Verkauf oder der Gastronomie gearbeitet?“

„Nein.“

Lio wartet einen Moment und fügt hinzu: „Bisher noch nicht.“

„Das ist nicht schlimm. Haben Sie Fragen zu Ihren Aufgaben?“

„Zur Kasse wahrscheinlich.“

„Damit lassen wir Sie nicht alleine. Sie lernen am Anfang erst die Filiale kennen, räumen Ware ein und schauen bei der Kasse mit zu.“

Lio nickt.

„Zu Ihren Aufgaben gehören aber auch Reinigung, Lieferungen und später die anderen Dienstleistungen, wie etwa den Kopier- und Druckservice. Das kommt aber nach und nach.“

„Okay.“

Kitayama dreht sich zu seinem Schreibtisch und greift nach einem Blatt. „Sie haben Dienstag, Freitag und Samstag angegeben. Bleibt es bei diesen Tagen und den zwei Schichten pro Woche?“

„Ja.“

„Dienstags und freitags brauche ich jemanden für die Schicht von sechzehn bis zwanzig Uhr. Würden Sie das schaffen?“

Lio geht im Kopf seinen Stundenplan durch, obwohl er die Zeiten inzwischen mehrfach verglichen hat. „Ja. An beiden Tagen.“

„Könnten Sie samstags trotzdem gelegentlich einspringen?“

Lio schaut auf das Blatt vor Kitayama. Es ist der Ausdruck seiner Angaben im Stellenportal. „Wenn ich es vorher weiß. Am Anfang würde ich aber gerne bei den zwei Schichten bleiben.“

Kitayama notiert sich etwas auf dem Blatt. „Dann planen wir vorerst so. Falls Sie wegen Prüfungen oder Abgaben andere Zeiten brauchen, sagen Sie bitte frühzeitig Bescheid. Wir hatten schon viele Studenten hier beschäftigt, bisher konnten wir das  meiste lösen.“

Lio lockert seine Finger unter dem Tisch. Er hat sie bisher die ganze Zeit gegen sein Notizbuch gepresst.

„Wäre Dienstag schon als erster Tag möglich?“, fragt Kitayama.

„Diesen Dienstag?“

„Ja.“

„Das geht.“

Kitayama wendet das Blatt vor sich, dreht es um und deutet auf eine Zeile. „Der Stundenlohn beträgt eintausendeinhundertfünfzig Yen, auch während der Einarbeitung. Wir rechnen zum Fünfzehnten eines jeden Monats ab und überweisen üblicherweise zehn Tage später.“

Lio liest die Zahl auf dem Blatt, dann die Zeile darunter. „Das erste Mal also nächsten Monat?“

„Genau. Sie beginnen nach dem Abrechnungstag.“

„Verstehe.“

Kitayama erklärt ihm noch, wie und wo die Arbeitszeiten erfasst werden und wie mit dem restlichen Personal die Schichten abgestimmt werden. Lio schreibt sich dabei einige Punkte in sein Notizbuch. Als Kitayama kurz innehält, sieht Lio auf. „Entschuldigen Sie. Die Einarbeitung ist dann auch von sechzehn bis zwanzig Uhr?“

„Ja. Ich bin am Dienstag ebenfalls hier und werde mit Ihnen zusammenarbeiten.“

„Okay.“

Kitayama lehnt sich zurück und schlägt die Arme übereinander. „Also von meiner Seite aus passt es. Wenn Sie mit den Bedingungen einverstanden sind, stelle ich Sie gerne ein.“

Lio sieht ihn an. „Ja“, sagt er. Dann legt er den Stift hin und richtet sich etwas auf. „Sehr gerne.“

Kitayama lächelt kurz und zieht eine dünne Mappe vom Schreibtisch. „Hier sind die Vertragsunterlagen und unsere Arbeitsbedingungen. Das meiste davon haben wir zwar bereits besprochen, durchlesen sollten Sie sich trotzdem alles in Ruhe. Den Vertrag gibt es in zwei Ausfertigungen. Eine behalten Sie, die andere bringen Sie mir am Dienstag ausgefüllt und unterschrieben zurück. Falls darin etwas unklar sein sollte, können wir es am Dienstag auch noch besprechen.“

Er legt ein weiteres Blatt dazu. „Darauf tragen Sie bitte Ihre Bankverbindung ein. Das und Ihren Ausweis bringen Sie dann ebenfalls am Dienstag mit.“

Lio greift nach Mappe und Blatt und legt beides auf sein Notizbuch.

„Für die Arbeit brauchen Sie nur eine lange Hose und geschlossene Schuhe. Das Oberteil und weiteres Arbeitsmaterial bekommen Sie von uns. Melden Sie sich am Dienstag einfach wieder an der Kasse.“

„Um sechzehn Uhr.“

„Genau.“

Lio blickt auf die Mappe und überfliegt gedanklich seine gemachten Notizen.

„Haben Sie noch Fragen?“

„Im Moment nicht.“

„Dann würde ich sagen, dass wir uns am Dienstag sehen.“

Lio steht auf und verbeugt sich erneut leicht. „Vielen Dank.“

Kitayama begleitet Lio zurück in den Laden, an der Kasse steht bereits ein neuer Kunde. Lio tritt zur Seite und lässt ihn vorbei. Draußen nimmt er sein Handy aus der Hosentasche. Vierzehn Uhr zweiundzwanzig. Er öffnet den Kalender und trägt die erste Schicht am Dienstag in seinen Kalender ein. Sechzehn bis zwanzig Uhr. 

Auf dem Rückweg hält er sein Handy in der Hand und überlegt, was er Reki schreiben soll.

Hab die Stelle bekommen.

Das würde reichen, trotzdem steckt er das Handy wieder in die Hosentasche. Erst zu Hause öffnet er den Chat, nachdem er die Mappe und sein Notizbuch auf den Schreibtisch gelegt hat.

Lio A.: Hab die Stelle bekommen, Dienstag ist meine erste Schicht.

Er legt das Handy auf den Schreibtisch, greift nach der Mappe mit den Unterlagen und beginnt damit, die erste Seite des Arbeitsvertrages zu lesen. Noch bevor er beim letzten Satz angekommen ist, vibriert sein Handy.

Reki S.: Das ging aber schnell.

Lio A.: Habe auch meinen Lebenslauf dabei gehabt.

Reki S.: Daran wird es gelegen haben.

Lio schnaubt leise durch die Nase, bevor eine weitere Nachricht erscheint.

Reki S.: Kann ich dich nachher anrufen?

Lio liest die Nachricht zweimal.

Lio A.: Ja.

Dann dreht er das Handy mit dem Display nach unten und liest die erste Seite wieder vom Anfang.

Am Abend sitzt er auf dem Boden vor seinem Bett. Die ausgefüllten Unterlagen liegen ordentlich auf dem Schreibtisch. Das Hemd wurde inzwischen durch ein weißes Shirt ausgetauscht und hängt wieder im Wandschrank. Als sein Handy klingelt, greift er sofort danach, wartet vor dem Annehmen trotzdem einen Moment.

„Hey“, sagt Reki.

„Hey.“

„Du wurdest also eingestellt, ja?“

„Offensichtlich.“

„Dann Glückwunsch.“

Lio zieht mit dem Daumen über die Naht an seiner Hose. „Danke.“

„Wie war das Gespräch?“

„Kürzer als ich gedacht habe.“

„Und?“

„Was und?“

Reki lacht leise. „Warst du nervös?“

„Ein bisschen schon.“

„Wie viel genau?“

Lio schaut zu seinen Unterlagen auf dem Schreibtisch. „Ich habe mir einen Termin für Dienstag im Kalender erstellt, obwohl ich es mir bereits notiert habe und die Wahrscheinlichkeit, dass ich es vergesse, eher gering ist.“

„Naja. Sicher ist sicher.“

„Mhm.“

Reki fragt nach seinen Schichten und seinem Chef. Lio nennt ihm die Tage und Uhrzeiten und erzählt, dass Kitayama ihn am Dienstag einarbeiten wird.

„Vier Stunden direkt nach den Vorlesungen?“

„Das wird schon gehen.“

„Bestimmt. Am Anfang wirst du trotzdem müde sein.“

„Du stehst um Viertel nach vier auf.“

„Deswegen weiß ich auch ganz genau, wie sich Müdesein anfühlt.“

Lio lächelt und lehnt den Kopf auf die Matratze. Für einen Moment sind beide still. Bei Reki ist ein leises Klappern im Hintergrund zu hören.

„Was machst du da?“, fragt Lio.

„Ich suche mein Ladekabel.“

„Und dabei telefonierst du?“

„Naja. Der Akku sagt noch vier Prozent. Wie du siehst, bleibt mir keine andere Wahl.“

Lio hört eine Schublade öffnen und ein leises „Ah“ von Reki.

„Gefunden?“

„Ja. Du kannst mich weiter informieren.“

Lio schaut zur Decke. „So viel ist gar nicht mehr passiert.“

„Du hast einen Job bekommen.“

„Stimmt.“

Er erzählt ihm trotzdem noch von dem Flur mit den vielen Kartons, dem kleinen Raum, der offensichtlich Büro und Pausenraum vereint hat und dem Foto, dessen Ecke sich beim Herausziehen aus der Klarsichthülle geknickt hat. Reki fragt, ob Kitayama das bemerkt hat.

„Weiß ich nicht.“

„Wahrscheinlich dachte er nur, dass du aussiehst wie auf dem Foto.“

„Ich hoffe, ich sah anders aus.“

„So schlimm?“

„Dir werde ich es nicht zeigen.“

„Jetzt bin ich erst recht neugierig.“

Lio zieht die Beine etwas näher an sich und legt eine Hand um sein Schienbein. „Pech.“

Reki lacht wieder.

„Du“, sagt Lio.

„Ja?“

„Die Kopfhörer auf deiner Skizze.“

„Was ist mit denen?“

„Sind das noch die von früher?“

„Ja.“

Lio sagt kurz nichts. „Funktionieren die noch?“, fragt er.

„Auf einem Ohr manchmal nicht. Kommt drauf an, wie das Kabel liegt.“

„Warum hast du sie dann noch?“

Rekis Antwort braucht einen Moment. „Meistens funktionieren sie ja.“

„Mhm.“

„Du hast sie auf der Zeichnung erkannt?“

„An der Stelle am Gehäuse.“

„Die war damals auch schon da.“

„Ich weiß.“

Später reden sie noch über Montag und darüber, ob Hasegawa schon die nächste Aufgabe für sie vorbereitet hat. Lio legt das Handy kurz auf das Bett und schaltet den Lautsprecher ein, damit er sich bequemer hinsetzen kann. Als Reki schließlich sagt, dass er langsam schlafen gehen muss, ist es draußen längst dunkel.

„Stimmt. Du musst ja deutlich früher raus“, sagt Lio.

„Leider.“

Lio greift wieder nach seinem Handy. „Dann bis morgen.“

„Bis morgen, Lio.“

Nachdem das Gespräch beendet ist, bleibt Lio noch einen Moment auf dem Boden sitzen. Er legt seinen Kopf auf die Knie und schaut auf das Display, auf dem steht, wie lange sie telefoniert haben. Währenddessen hat er nichtmal auf die Uhr gesehen. Dann steht er auf und geht ins Bad.