
KAPITEL 5 – Was etwas kostet
Am nächsten Tag sitzen Lio und Mira wieder in dem kleinen Café hinter dem Takashimaya Einkaufszentrum. Die sechs Skizzen nehmen auf dem Tisch mehr Platz ein, als Lio erwartet hatte.
Mira schiebt ihre drei Skizzen nach links und seine nach rechts. Zwischen ihnen bleibt gerade genug Platz, dass ihre zwei Kaffeetassen dazwischen passen.
„Es sieht fast so aus, als hätten wir zwei verschiedene Aufgaben bekommen“, sagt sie.
„In gewisser Weise haben wir das auch“, antwortet Lio.
Mira lächelt. „Das wird Hasegawa bestimmt überzeugen.“
Lio zieht seine Skizze mit der unterbrochenen Bodenmarkierung zu sich. „Besser?“
Mira begutachtet die veränderte Anordnung. „Jetzt sieht es so aus, als hätten zwei verschiedene Aufgaben zufällig denselben Ort bekommen.“
Lio greift nach seiner Kaffeetasse und nippt kurz daran. „Lass uns eine andere Anordnung versuchen.“
Lio versucht die Fragmente voneinander zu trennen, Mira sucht stattdessen Verbindungen zwischen ihnen.
„Moment“, sagt Mira irgendwann.
Sie legt in einem Kreis je eine ihrer Skizzen zu einer von Lios.
„So hat jedes FEHLT ein GEBLIEBEN.“
In der Mitte bleibt eine große Fläche frei.
Lio verschiebt die Skizzen noch einige Centimeter, damit die Abstände gleich sind. „So?“
„Ja. Das geht.“
„Wir sollten schon mal das Material kaufen und vielleicht die Skizzen kopieren.“
„Jetzt schon?“
„Wir haben nur bis Donnerstag Zeit.“
„Itōya?“
„Kaffee leer?“
„Mhm.“
„Dann lass uns gehen. Ich bezahle für uns, du bist einfach beim nächsten Mal dran“, sagt Mira und deutet auf die Skizzen. „Packst du ein?“
Wenig später stehen sie im Geschäft und stöbern durch die Gänge. Natürlich hat Mira bereits im Vorfeld eine Einkaufsliste erstellt.
„Wir brauchen noch einen A3-Bogen als Untergrund und Kleber“, sagt Mira, während sie einige Bögen Transparentpapier in den Einkaufskorb legt.
Lio vergleicht währenddessen die Preise auf seinem Handy. Er legt die Bögen Transparentpapier zurück und greift nach einer günstigeren Variante zwei Fächer tiefer.
Mira sieht auf die zurückgelegten Bögen und dann auf sein Handy.
„Du rechnest schon die ganze Zeit.“
„Dafür sind Preise doch da.“
„Andere Leute schauen sie nur an.“
„Dann rechnen sie vielleicht einfach nur langsamer.“
Einen großen A3-Bogen und eine Flasche Bastelkleber später stehen beide an der Kasse. Mira legt den gemeinsamen Einkauf auf den Tresen. Der feste A3-Bogen, der Kleber und die Bögen Transparentpapier sehen nach weniger aus, als die Zahl auf dem Kassendisplay vermuten lässt.
Lio zahlt seinen Anteil und öffnet noch im selben Moment die Banking-App.
„Alles okay?“, fragt Mira.
Ihr Blick fällt kurz auf Lios Handy. Nicht lange genug, um etwas im Detail zu erkennen, aber lang genug, um nachzufragen.
„Mhm.“
„Dann lass uns irgendwo hingehen, wo wir mehr Platz haben als im Café.“
Lio steckt das Handy ein. „Vielleicht der Park? Da stehen einige große Picknicktische.“
„Sofern der Wind unsere Arbeit nicht vorher beendet“, sagt Mira mit einem Lächeln.
Auf dem Weg zum Futako-Tamagawa-Park drucken sie noch Kopien ihrer Skizzen in einem Konbini.
Nahe des Tama-Ufers setzen sie sich an einen der Tische und breiten ihr Material aus. Der Platz ist diesmal mehr als ausreichend.
Lio legt die Skizzen in derselben Kombination aus wie im Café. Ein Windzug hebt dabei beinahe eine der Skizzen vom A3-Bogen. Mira fängt sie auf. „Hab’s ja gesagt.“
Lio antwortet nicht. Stattdessen nimmt er einige Stifte und seine Wasserflasche aus dem Rucksack und legt sie auf die Ecken der Skizzen.
Mira nimmt einen Bogen Transparentpapier aus der Tasche und legt ihn über eines der Skizzenpaare. „Wir können meine Spuren darauf übertragen und entsprechend über deine Lücken legen.“
„Dann verdecken sie meine Lücken aber.“
Mira schaut auf die Skizze mit der unterbrochenen Bodenmarkierung. „Nicht vollständig. Dafür ist es ja transparent.“
Lio betrachtet die Skizzen übereinander. Die Schuhspuren verlaufen über die Bodenmarkierung und verschwinden an derselben Stelle wieder.
„Das könnte tatsächlich funktionieren.“
„Natürlich funktioniert es. War schließlich meine Idee.“
Eine Weile sprechen sie nur darüber, welche Linien bleiben sollen und welche weggelassen werden können. Mira überträgt die Spuren ihrer Skizzen auf einen Bogen Transparentpapier, während Lio auf einem zweiten die Umrisse seiner Fragmente nachzeichnet.
„Wie knapp ist es bei dir?“, fragt Mira irgendwann.
Lio hält mitten in der Linie an. „Was?“
„Dein Geld.“
„Nicht knapp.“
Mira schaut auf das Transparentpapier. „Du hast selbst hier die Preise verglichen.“ Sie deutet mit der Rückseite des Bleistifts auf das Papier.
„Außerdem hast du nach dem Bezahlen direkt deinen Kontostand gecheckt.“
„Ich wollte wissen, wie viel noch da ist.“
„Also ist es doch knapp.“
Lio zeichnet die Linie zu Ende. „Knapper als gedacht.“
„Bis zum Monatsende?“
„Die Miete ist bezahlt. Für Essen reicht es auch noch.“
„Solange nichts dazukommt?“
Lio sieht auf den Kleber, das Papier und die Kopien, die vor ihnen auf dem Tisch liegen. „Mhm.“
Mira holt ihr Notizbuch aus dem Rucksack. „Es kommt immer was dazu.“
„Das ist wenig hilfreich.“
„War auch nicht als Hilfestellung gemeint.“ Sie schlägt eine leere Seite auf. „Hast du über einen Nebenjob nachgedacht?“
„Schon.“
„Und?“
„Noch nichts gefunden.“
„Hast du überhaupt gesucht?“
Lio schweigt einen Moment. „Nicht richtig.“
Mira schreibt NEBENJOB oben auf die Seite.
„Wir müssen daraus kein neues Projekt machen.“
„Mache ich nicht. Ich schreibe nur ein Wort auf“, sagt sie, während sie darunter bereits eine Linie zieht.
Lio sieht auf das Transparentpapier. „Wir sollten erst das hier fertig machen.“
Mira schiebt das Notizbuch zur Seite und schaut zu Lio. „Dann mach deine Linie fertig.“
Lio hält für einen Moment still. Dann zieht er die Linie bis zum Ende. „Fertig“, sagt er. „Und unser Projekt?“
„Wir liegen im Zeitplan.“
Mira zieht das Notizbuch wieder an sich heran. „Welche Nachmittage hast du frei?“
Lio sieht auf das Wort NEBENJOB. „Du wolltest doch nur ein Wort aufschreiben.“
„Manchmal bleibt es eben nicht bei einem Wort.“
Lio denkt an seine Kurse und überlegt einen Moment. „Dienstag und Freitag hab ich früher aus.“
Mira schreibt beide Tage direkt unter die große Überschrift. „Wochenende?“
„Samstag würde gehen.“
„Sonntag nicht?“
„Ich brauche doch auch einen Tag, an dem ich nichts machen muss, oder?“
Mira schreibt FREI neben SONNTAG und zieht eine Linie unter dem Wort. „Dann bleibt der frei.“
Lio beobachtet die Bewegung ihres Stiftes. Unter dem Tisch drückt er mit dem Daumen gegen seine Fingerspitzen.
„Drei Schichten sind aber auch zu viel“, sagt er.
„Musst ja nicht an allen dreien arbeiten.“
„Warum schreibst du sie dann auf?“
„Dann kannst du auswählen.“
„Ich habe doch noch gar keinen Job.“
„Stimmt.“
Mira legt den Bleistift auf das Notizbuch und greift erneut in ihre Tasche. Sie zieht einen Flyer der Universität heraus und reicht ihn Lio.
„Den habe ich vor einigen Tagen aus dem Studentenbüro mitgenommen.“
Lio nimmt ihn entgegen. „Warum?“
„Hab mir selbst einen Nebenjob gesucht.“
„Und schon was gefunden?“
„Gestern habe ich die Zusage bekommen.“
„Und das erwähnst du jetzt?“
„Du hast nicht gefragt.“
„Wo?“
„In einem Café in der Nähe meiner Wohnung. Zwei Nachmittage unter der Woche, manchmal sonntags. Nächste Woche fange ich an.“
Lio faltet den Flyer auseinander. Neben einigen Hinweisen und Beispieljobs befindet sich auch ein QR-Code, der zum Nebenjobportal der Universität führt.
„Darüber habe ich meinen Job gefunden“, sagt Mira. „Deshalb hab ich den Flyer noch.“
Lio überfliegt die aufgelisteten Bereiche. Gastronomie, Verkauf, Nachhilfe, Ausstellungen und kurzfristige Arbeiten auf dem Campus.
„Mit deinen freien Zeiten würde auch ein Konbini gut funktionieren“, sagt Mira. „Die suchen oft Studenten für die Spätschichten und fürs Wochenende.“
„Viele Kunden.“
„Vermutlich.“
„Sollte mich das jetzt überzeugen?“
„Nein. Die Arbeitszeiten sollten es.“
Lio legt den Flyer neben sein Skizzenbuch. „Weiß noch nicht, ob ein Konbini zu mir passt.“
„Dann such etwas anderes.“ Mira deutet mit dem Bleistift auf den QR-Code. „Es ist nur eine Möglichkeit von vielen.“
„Ich schaue später genauer.“
„Heute später?“
„Nach unserem Projekt.“
Mira richtet ihren Blick auf die drei noch nicht befestigten Skizzenpaare. „Dann sollten wir besser weitermachen.“
Sie wenden sich wieder den Skizzen zu.
Mira hebt den ersten fertigen Bogen Transparentpapier an und hält ihn über die Anordnung. Die Schuhspuren liegen jetzt exakt über der unterbrochenen Bodenmarkierung.
„Den zuerst?“, fragt sie.
Lio nickt. „Mhm.“
Mira trägt ein wenig Kleber auf die Ecken auf und befestigt den Bogen. Lio streicht unaufgefordert vorsichtig darüber, damit sich das dünne Papier nicht wellt.
Beim zweiten Skizzenpaar brauchen sie mehr als nur einen Versuch, bis die Ergänzung dort liegt, wo vorher nur eine helle Stelle an der Wand war. Mira verschiebt das Papier nach links, Lio wieder nach rechts.
„So lag es doch eben schon“, sagt sie.
„Nee. Vorher war es zu weit links.“
„Und jetzt ist es wieder zu weit rechts.“
Lio verschiebt die Anordnung einige wenige Millimeter zurück.
Mira betrachtet das Ergebnis. „Damit kann ich leben.“
Beim letzten Paar legt Lio seine Kopie lose auf den Untergrund. Er dreht sie leicht, schiebt sie näher an die anderen, dann wieder zurück.
„Das muss weiter nach innen“, sagt Mira.
„Dann wird der Abstand aber kleiner.“
„Nur an dieser Stelle.“
Lio betrachtet die freie Fläche in der Mitte. „Wir könnten es doch offenlassen.“
„Die Mitte ist doch schon offen.“
„Dann diese Stelle eben auch.“
Mira sieht auf die Skizze und dann zu Lio. „Manchmal lässt du etwas offen. Manchmal hörst du aber einfach nur auf, bevor du dich entscheiden musst.“
„Redest du noch vom Projekt?“
„Momentan schon.“
Mira greift nach ihrem Bleistift und arbeitet an ihrem Teil weiter.
Lio schaut wieder auf die lose Kopie. In der jetzigen Position gehört sie weder richtig zu den anderen noch steht sie für sich allein.
„Wenn ich sie festklebe, kann ich sie nicht mehr verschieben.“
„Das ist in gewisser Weise der Sinn von Kleber.“
„Wieder überaus hilfreich.“
„Gern geschehen.“
Lio verschiebt die Skizze ein letztes Mal. Diesmal weiter nach innen. Dann trägt er den Kleber auf und drückt sie auf den A3-Bogen.
Mira beobachtet alles, sagt aber nichts.
Nach und nach kleben sie auch die übrigen Teile auf den A3-Bogen. Die sechs Fragmente bilden keinen gleichmäßigen Kreis. Einige liegen näher aneinander als andere. Trotzdem wirken sie inzwischen nicht mehr wie zwei verschiedene Aufgaben.
In der Mitte bleibt die freie Fläche erhalten. Lio belässt es dabei.
„Fertig?“, fragt Mira.
Lio betrachtet den kompletten A3-Bogen und drückt nochmals vorsichtig auf die Klebestellen. „Für heute.“
„Das reicht für mich.“
Sie warten noch ein paar Minuten, um sicherzugehen, dass der Kleber weit genug getrocknet ist. Mira macht noch ein Foto von der fertigen Anordnung, bevor sie die Stifte und die übrigen Bögen Transparentpapier in die Tasche verstaut.
Lio nimmt seine Wasserflasche von der letzten Ecke. Der Wind hebt den Bogen diesmal nur ganz leicht an.
„Hat unsere Arbeit doch nicht beendet“, sagt er.
„Knapp.“
Gemeinsam schieben sie den Bogen vorsichtig in Lios Mappe. Den Kassenbon steckt er noch beiläufig zwischen die Seiten seines Skizzenbuchs.
Mira hält ihm den Flyer entgegen. „Den solltest du auch mitnehmen.“
Lio nimmt ihn entgegen und legt ihn lose in die Tasche. „Ich weiß.“
Gemeinsam verlassen sie den Park und gehen zurück Richtung Station. Lio trägt die Mappe unter seinem linken Arm. Immer wenn ein neuer Windzug durch die Straßen zieht, drückt er sie etwas fester gegen seinen Körper.
Vor dem Eingang zur Station bleibt Mira stehen.
„Dann bis morgen.“
„Mhm.“
Mira deutet auf Lios Tasche. „Und der Flyer?“
„Sicher eingepackt.“
„Das meinte ich damit nicht.“
„Ich weiß.“
„Heute.“
Lio sieht sie an. „Du bist ziemlich hartnäckig.“
„Strukturiert.“
Lio antwortet nicht darauf. „Bis morgen.“
Mira lächelt kurz. „Bis morgen.“
Sie geht durch den Eingang und verschwindet zwischen den anderen Menschen. Lio bleibt noch einen kurzen Moment stehen, bevor er sich umdreht und den restlichen Weg zu seiner Wohnung zu Fuß zurücklegt.
Zu Hause legt er die Mappe auf seinen Schreibtisch. Der Kleber riecht noch leicht, als er den A3-Bogen zur Kontrolle herauszieht. Alle Teile halten noch zusammen.
Als er sein Skizzenbuch aus der Tasche zieht, fällt der Flyer auf den Boden.
Lio hebt ihn auf und betrachtet den QR-Code erneut. Er legt ihn auf den Schreibtisch, statt ihn wieder in der Tasche verschwinden zu lassen.
Nachdem er seine Wasserflasche in die Küche gestellt und die restlichen Materialien in die Schreibtischschublade eingeräumt hat, liegt der Flyer noch immer dort. Er nimmt sein Handy und scannt den Code.
Auf dem Display erscheinen mehrere Stellenangebote. Einige davon liegen zu weit von seinem Wohnort und der Universität entfernt, andere verlangen mehr Arbeitstage oder frühere Schichten. Lio stellt den Filter entsprechend seinen Vorgaben ein und sucht im Umkreis der Universität.
Zwischen den Ergebnissen findet er einen Konbini, direkt gegenüber der Universität. Er kennt ihn bisher nur vom Vorbeigehen. Gesucht werden Aushilfen für die Schichten am späten Nachmittag und am Wochenende.
An seinen kurzen Tagen könnte er nach den Kursen direkt dortbleiben. Samstags mit der Bahn nach Kaminoge fahren.
Lio öffnet die Stellenausschreibung.
Unter der Beschreibung befinden sich zwei Schaltflächen.
BEWERBEN und MERKEN.
Sein Daumen bleibt zwischen den beiden Schaltflächen stehen.
Dann tippt er auf MERKEN und legt das Handy zu seinem Skizzenbuch auf dem Schreibtisch.

