Zwischenraum #002

Der dritte Akkord

Lio spielt Gitarre. Er verfolgt mit seinem Spiel nicht das Ziel, irgendwann auf einer Bühne zu stehen oder gar Geld damit zu verdienen. Er spielt, weil manche Dinge leichter werden, wenn sie einen Klang bekommen.

Eine Akkordfolge begleitet ihn dabei schon seit Jahren. Er hat sie selbst komponiert, für jemanden, der sich einmal an der Melodie eines Anime-Intros festgefahren hatte. Für jemanden, mit dem er oft in der Mittelschule am Fenster saß, sich Kopfhörer teilten und ihre Lieblingslieder hörten. So, als gäbe es nichts Wichtigeres im Leben.

Die Akkordfolge ist eine der größten Erinnerungen an genau diese Zeit. An die Nähe, bevor daraus Abstand wurde. An etwas, das früher selbstverständlich war und später keinen Platz mehr bekam.

Lio kennt die ersten beiden Akkorde inzwischen auswendig. Sie kommen ihm leicht von den Fingern. Beim dritten bleibt er aber immer hängen. Nicht, weil er ihn nicht spielen kann, sondern weil danach etwas kommen müsste. Ein Abschluss. Ein letzter Ton. Vielleicht sogar ein ganzes Lied.

Solange die Akkordfolge unvollständig bleibt, bleibt auch das, wofür sie steht, ebenfalls unvollständig und ohne Abschluss.

Der dritte Akkord bleibt genau dort, wo auch vieles zwischen Lio und dieser Person geblieben ist: irgendwo dazwischen.