Zwischenraum #003
Warum gibt es kein Corona?
Auch wenn in der Geschichte bisher keine Jahreszahlen vorgekommen sind, wird sich vielleicht trotzdem irgendwann die Frage stellen, warum Lio und Reki während ihrer Schulzeit einen Alltag erleben, ohne dass Corona eine Rolle spielt.
In meinen eigenen Notizen besuchen die beiden gerade die Oberschule, als Japan am 2. März 2020 zu Schulschließungen aufruft.
Die Entscheidung, Corona nicht zu erwähnen, war eine bewusste. In der Welt von „Zwischen den Saiten“ findet die Pandemie nicht statt.
Beim Schreiben schaue ich mir viele Dinge ziemlich genau an und versuche, ein gewisses Maß an Realismus zu halten. An welcher Adresse liegt Lios Wohnung? Wie kommt er zur Universität? Welche Bahnhöfe kommen infrage? Passen die Schuljahre zu seinem Alter? Die Figuren und ihr Alltag sollen sich glaubwürdig anfühlen. Trotzdem nehme ich mir an manchen Stellen die Freiheit, von der Realität abzuweichen.
Corona hätte wichtige Zeitpunkte der beiden zu sehr geprägt und mir die Erzählung wesentlich erschwert. Ich möchte erzählen, wie zwei Menschen sich ohne diesen zusätzlichen historischen Einschnitt näherkommen, sich aus den Augen verlieren und Jahre später wieder einen Platz im Leben des anderen suchen. Insbesondere der Zeitpunkt, an dem die beiden sich voneinander entfernen, wäre genau mit dem Beginn der Pandemie zusammengefallen. Dadurch hätte man ihre wachsende Distanz möglicherweise automatisch mit Corona in Verbindung gebracht.
Vielleicht ist es auch ganz schön, beim Lesen der Geschichte für eine Weile in einer Welt zu sein, in der dieser Einschnitt komplett ausgeblieben ist. Lio und Reki haben auch so bereits genug mit ihren eigenen Gedanken zu tun.

